Die gute Seite ?

Es gibt ’n Haufen geschleckter Typen. Politische Banditen. Wie wahr, die Welt ist schlecht. Und wer wüsste das besser als die drei Philosophen aus Germering, die sich bereits 2002 unter anderem völlig zu Recht an überhöhten Mieten stießen und darüber hinaus bemängelten, dass die Welt voll von dreisten Egoisten ist? Wahrscheinlich nicht um Traum daran denkend, wie sehr der dreiste Egoismus eines Einzelnen nur zwei Jahrentente später auf die Spitze getrieben werden würde: In dem Moment, als ein offenkundig geisteskrankes Staatsoberhaupt der versammelten Weltöffentlichkeit neben der Setzung sinnloser Fristen zur „Demilitarisierung“ des Nachbarlandes präsentiert, was eine Botox-Straffung mit einem Menschen so anstellt, wenn diese vollends in das Oberstübchen diffundiert ist.

Zugegebenermaßen sind jene vereisten Skipisten über die sich Peter, Flo und Rüde ihrer Zeit echauffierten ein Problem von eher untergeordneter Priorität. Dass auch sie damals angemerkt wurden, zeigt viel mehr, wie gering die Probleme zu jener Zeit gewesen sein müssen. Oder vielleicht auch einfach nur wie ein Krieg mit größer werdender Distanz zu Germering die Prioritäten in wohl gebetteten Gesellschaften wie der unseren verschiebt. Auch damals gab es Krieg. Nur halt 2190 Kilometer weiter südöstlich. Auch damals war das erste Opfer der Schlacht die Wahrheit. Dieser Tage mit Füßen getreten von einer Regierung, die Wahlzettel von Typus „Willst du mit mir gehen? Ja, Nein, Vielleicht“ als Rechtfertigung sieht, um Macht über das flächenmäßig größte Land der Erde auszuüben. Macht, die sie nutzt um die Fähigkeit, die zweitgrößte Militärmacht dieses Planeten zu restaurieren mit der einzigartigen Unfähigkeit zu verbinden „ihrer“ jungen Bevölkerung Perspektiven zu bieten und den Menschen am anderen Ende der Alterspyramide ein Altern in Würde zu ermöglichen.

Zwanzig Jahre zuvor war es ein Präsident, der von Beruf in erster Linie Sohn war. Sein alter Herr mag sogar marginal bessere Gründe für seinen Ausflug ins wilde Persien gehabt haben. Sein Filius war weder mit körperlicher Größe gesegnet, noch hatte er ausreichend von der Geistigen jenen – von ihm selbst – am Hindukusch begonnenen Unfug zu beenden. Mehr noch musste er seinen Kleingeist zur Schau stellen, indem er sich berufen fühlte, das aussichtslose Werk seines Vaters rund 40 Tagesmärsche weiter westlich von Kabul zu Ende führen.

Letzterer vermutete massenhaft Massenvernichtungswaffen im Zweistromland, wohl wissend, dass seine Gedanken im Moment ihrer Verbalisierung völliger Stuss sind. Dass man sich aus heutiger Sicht fast schon dabei ertappt, ihm für seine in Microsoft Paint bearbeiteten Satellitenbilder wenigstens Fleißpunkte ins Hausaufgabenheft zu kleben zu wollen, liegt einzig und allein daran, wie plump die Begründung heute ist: Nazis. Drogensüchtige. Mörder von Kindern, Frauen und Greisen. Wer hat beim Blick auf dem Bildschirm nicht gedacht, dass beim jedem ausgestreckten Zeigefinger, der auf andere zeigt, immer die dreifache Anzahl der Finger auf den Urheber deutet?

Und wer hat sich nicht gedacht: Ja, und jetzt? Neben der notwendigen Hilfe für jene Menschen, die gerade unfreiwillig jene Heimat verlassen müssen, der sie in den Jahren seit der orangenen Revolution wieder mühsam auf die Beine halfen, macht man seinem Unmut zu Recht Luft. Auf den Straßen und Plätzen, wo man Gleichgesinnte trifft, die ebenso fassungslos, wütend und schockiert sind, wie man selbst. Bricht man das, was sich dies- und jenseits des blauen Himmels über gelben Feldern abspielt auf ein Wort herunter, dann heißt dieses Wort Gemeinschaft. Die starken Frauen und Männer von Charkiv, Kiev oder Odessa auf der einen Seite, die ihren Traum eines freien demokratischen Landes nicht aufgeben wollen. Und wir, die Ohnmächtigen, auf der anderen Seite. Wir, die wir merken, dass der erste Schritt aus der Ratlosigkeit auch darin liegen kann, sich einander mehr Fragen zu stellen, als Antworten parat zu haben. Klar, wächst zunächst die Anzahl der Fragen, je mehr sich versammeln, aber alleine ist die Aussicht auf Antworten freilich noch düsterer.

Unsere Gemeinde ist seit je her das beste Beispiel dafür. Unsere Gottdienste sind anders: Säuglinge konnten im Gottesdienst lautstark nach der Brust ihrer Mutter verlangen, ohne, dass die Mutter ob der Blicke der Gemeinde in Grund und Boden versinken musste. Kinder vom Kindergarten- bis zum Kommunionalter standen um den Altar und beobachteten die Gabenbereitung, während die Jugend jenseits des Kommunionsalters ebenjenen Gottesdienst – nicht nur musikalisch – mitgestaltete und sich wieder andere noch im Verlauf der Predigt möglichst kontroverse Fragen zu deren Inhalt überlegten, die sie beim anschließenden Mittagstisch diskutieren wollten.

Das alles geht nicht alleine. Und das alles soll jetzt rum sein? Weshalb eigentlich? Ach ja, weil es zu wenig Priester gibt. Und warum gibt es zu wenige? Ach ja, weil die ausgewiesenen Experten für das Thema Partnerschaft und Familie im fernen Rom entschieden haben, dass jemand der Verantwortung für eine Gemeinde als Seelsorger übernehmen will, nicht gleichzeitig ein guter Ehepartner oder gar Vater sein kann. Ganz zu schweigen von einer guten Ehepartnerin und Mutter. Weil viele, die selbst die Kröte der Familienlosigkeit zu schlucken bereit gewesen wären, mit einem „Laden“, der Verbrechen, deckt, die Kindern, die „diesem Laden“ anvertraut wurden, den Rest ihres Lebens versaut haben, zu Recht nichts zu tun haben wollen.

Zusammengefasst: Weil ganz weit weg von St. Michael Entscheidungen getroffen werden, die dafür sorgen, dass weit und breit keiner der engagierten Seelsorger zu finden ist, die unsere Gemeinde stets ausgemacht haben. Auf die Suche nach einer Seelsorgerin dürfen wir uns ja gar nicht erst machen. Mit anderen Worten: Alte Herren in der ewigen Stadt machen zuerst die Kirche und dann unsere Gemeinde kaputt.

Halt: Gemeinde – Gemeinschaft, fällt da was auf? Die Gemeinschaft, das sind wir. Die Gemeinde übrigens auch. Es liegt an uns. Und niemand kann uns verbieten uns zu treffen, von ganz jung bis ganz alt, uns gegenseitig Fragen zu stellen und Antworten zu geben, gemeinsam zu essen und trinken und gerade jetzt auch gemeinsam zu helfen. Auch die Sportfreunde haben es in genau diesem Lied auf den Punkt gebracht: Es braucht nicht mehr als dich und mich und sonst noch ein paar andere Leute, um die Gute Seite stark zu machen.

Um damit anzufangen, haben wir uns den diesjährigen Georgstag ausgesucht:

Am 24. April wollen wir in St. Michael damit anfangen.

Von Philipp

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