Eschte Fründe!

Große Emotionen verpackt man in großen Worten. Großes erlebt man am Besten gemeinsam und im echten Leben.

Nach einer kurzen kontroversen Klausurtagung erzielten die Repräsentanten der Gebietskörperschaften Uri, Schwyz und Unterwalden einen Konsens, der in der Unterzeichnung einer gemeinsamen Bündnisvereinbarung mündete. Im Abschlussprotokoll des Gipfeltreffens wurde ein Beistandspakt für den Fall exogener Konflikte sowie im Falle von Extremnaturereignissen fixiert. Gleichwohl bekräftigten alle Beteiligten ihre gemeinsame Bereitschaft territoriale Integrität von völkerrechtlichem Rang erzielen zu wollen.

Wer jetzt aufhören will zu lesen. Wer will es verübeln?

Lässt man im ersten Satz die Namen der drei Landschaften einmal weg, wer hätte wohl noch erkannt, dass sich hinter dieser reichlich hölzernen Nachricht möglicherweise Literarisches versteckt? Und selbst, wenn das ganz große literarische Tennis aus Versehen aufgeblitzt sein sollte: Keine Sorge! Durch das literarische Quartett, in dem die Beteiligten womöglich die „… hohe erkennbare Gruppenkohäsion dieses überschaubaren sozialen Gebildes…“ ausdrücklich lobend hervorgehoben, müssen wir noch schnell durch.

Klar, liegen sie damit richtig. Trotzdem wird es aber gleichzeitig immer schwerer vorstellbar, dass in einer Sprache, die heute Worte wie „Rechenschaftsschuldbewusstsein“ hervorbringt, einst die Werke des Sturm und Drang verfasst wurden oder – schier unglaublich -, dass mit den beiden Friedrichen von Schlegel und Hardenberg in derselben Sprache einst die Romantik ganz Europa prägte. Ja, genau jene Romantik, die es unterhalb der ganz großen Gefühle gar nicht erst machte. Die Romantik, deren Vertreter sich gar nicht erst an den Schreibtisch setzten, wenn sie nicht just in diesem Moment den Drang verspürten nicht nur schnödes geschriebenes Wort zu produzieren, sondern ihre Leserinnen und Leser zu entführen und somit Geschriebenes erlebbar zu machen. Dabei ist es ziemlich Wurst, ob man in den eher erzieherisch aufgelegten Sturm und Drang oder eben jene, den Lesenden in Zuckerwatte einpackende, Romantik blickt: Häufig, sehr häufig geht es darum, dass nur jener oder jenem, dem oder der „…der große Wurf gelungen eines Freundes Freund zu sein…“ wirklich ein doller Hecht mit wahrlich Grund zum Jubeln ist.

Wie viel Grund zum Jubeln man hat, wenn man merkt, dass es geglückt ist „eschte Fründe“ zu haben, merkt man erst, wenn es mal hart auf hart kommt. Echte Freunde sehen einem auf fünf Meter Entfernung schon vor dem TG-Raum den Liebeskummer an. In der Gruppenstunde, in der man schon seit Wochen an einer Seifenkiste baut, um den Pfadis im sportlich fairen Wettbewerb den schnelleren Weg vom Lindenbäumchen abwärts zu zeigen, reicht er einem die Bohrmaschine und sagt: „Was Du jetzt brauchst, ist ein dickes Brett zum Bohren.“ Bei echten Freunden weiß man, wie sie ticken, wenn sie – genau wie man selbst – die Meuchlerkarte bei „Mord in Palermo“ gezogen haben. Es ist also angerichtet, um dem restlichen Stamm so lange vergnügt auf der Nase herumzutanzen, bis das Spiel vollständig zu eigenen Gunsten entschieden ist. An echten Freunden hält man auch beim Rübenziehen das entscheidende bisschen länger fest. Weil es mehr als einen guten Freund braucht, um ein Fußballspiel aus hoffnungslosem Rückstand zu drehen, weil Fußballmannschaften, Geländespielteams und Spüldienstgruppen mehr oder weniger gewürfelt werden, macht es schnell keinen Unterschied mehr, ob man ein Netz der Freundschaften aufmalt oder gleich das Wollknäuel-Vorstellungsspiel spielt. Das Bild ist sowieso das gleiche.

Sich jeden x-beliebigen Quark online bestellen und den armen DHL-Menschen wieder in den dritten Stock hechten lassen, sich per Skype krankschreiben lassen, per Zoom an Vorlesungen teilnehmen oder gar bei Factorio online gemeinsam einen neuen Planeten besiedeln. Es gab vieles, was in den letzten zwei Jahren mit einem Notebook auf dem Schoß ganz wunderbar funktioniert hat. Aber echte Freunde vermisst dann doch ziemlich zügig ein gutes Stück mehr. Jitsi-Meetings verhalten sich zum Fehlen von Lagerfeuerrunden, Gruppenstunden und schier endlosen TG-Raum-Abenden eben doch nur wie Ibuprofen zu Rückenschmerzen im Home Office. Für letzteres wären ein gescheiter Schreibtischstuhl, ein höhenverstellbarer Schreibtisch und Spazierengehen eine echte Lösung. Für ersteres sind es eben echte Gruppenstunden, Zeltlager im Grünen und alles das, was uns sonst noch so ausmacht.

Was das ist? Komm doch einfach am 24. April nach St. Michael.      

von Philipp

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: